Windelfrei Papa – eine verrückte Zeit

Windelfrei Papa ?

Windelfrei – alles klar. Als meine Frau mich an jenem Abend rief, hallte in ihrer Stimme Spannung und Aufregung. Ich betrat das Wohnzimmer, schnell wurden die letzten Tabs minimiert. Mit strahlendem Gesicht und einem Glanz in den Augen versuchte sie überschwänglich vom Sofa aufzustehen. Es sollte bei dem Versuch bleiben. Schmerzverzerrt grub sie sich mit ihrem schwangeren Bauch wieder ins Sofa.

„Schau mal was ich gefunden habe. Ich habe dir doch von dem Buch erzählt das ich gerade lese.“

Natürlich wusste ich nicht welches Buch sie meinte, sie hatte ständig eines in der Hand.

„Na du weißt schon, diese Amerikanerin die 2 1/2 Jahre im Dschungel bei Indianern gelebt hat und dabei längst vergessenes Wissen um die Bedürfnisse von Kleinkindern entdeckt hat!“

Sicherlich hatte sie von dem Buch erzählt, wie von den vielen anderen auch…

„Jedenfalls tragen die Babys dort schon ab der Geburt keine Windeln! Sie werden abgehalten, und sollte mal was daneben gehen wird einfach darüber gelacht.“

Echt jetzt?

Naja das mag bei den Indianern sicherlich ein Dschungel-Klatscher sein wenn das Baby sein Geschäft auf der Mutter verrichtet, allerdings haben wir es hier ja doch etwas komplizierter. Versaute Klamotten lassen sich nunmal nicht so schnell reinigen wie ein halb nackter Körper im Fluss. Außerdem, wie hält man denn ein Baby ab? Wie soll man denn überhaupt merken dass es abgehalten werden möchte? Als junger Papa, der bei dem Wort Papa immer an seinen eigenen Vater denken musste, und zuvor noch nie was mit Babys am Hut hatte, wusste ich natürlich nichts über das was uns bevorsteht. Aber eins stand fest, sprechen können sie jedenfalls nicht!

„Hier ich habe ein Video von einem Windelfrei Kind gefunden!“

Sie öffnete den Browser und zeigte mir ein Elternpaar, welches gerade ihr neugeborenes Kind über einer Schüssel abhielten. Nach ca. 30sec. befand sich eine leicht gelbliche Flüssigkeit darin. Ganz klar, das Video war gefälscht! Warum sonst gibt es nur eines davon im Internet? Wenn es möglich wäre, dann wüsste man das doch! Aber wie bringt man ein Baby dazu zu pieseln? Wenn es doch nicht mit mir kommunizieren kann, kann ich ja schlecht abwarten bis es muss und dies dann filmen. In diesem Moment fühlte ich mich wie ein Kleinkind, welches gerade herausfand, dass es groß genug war um die Türe zum verbotenen Zimmer zu öffnen.

Eine neue Ära

windelfrei papaIch war begeistert! Mir eröffnete sich ein neuer Horizont. Daraufhin las ich ebenfalls das Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit
. Eine spannende Geschichte die unter anderem zeigt, dass bereits Neugeborene viel mehr wissen, als wir zu denken glauben. Außerdem informierte ich mich näher mit dem Thema Windelfrei. Das Buch „Es geht auch ohne Windeln!“ geschrieben von Ingrid Bauer, wappnete mich mit theoretischem Wissen über die Art wie mein Baby versuchen wird mit mir zu kommunizieren. Der Grundstein für eine engere Bindung zu meinem Kind war gelegt. Jetzt musste sie sich nur noch in der Praxis beweisen.

 

Die Praxis sah natürlich ganz anders aus. Als mein Sohn schließlich knappe fünf Wochen zu früh das Licht der Welt erblickte, und vorerst in einem Wärmebettchen verbleiben musste da er noch nicht genügend Kraft besaß um seine Temperatur konstant halten zu können, war ans Abhalten nicht mehr zu denken. Primär legten wir die Konzentration darauf ihn an die Brust heranzuführen, um eine altersgerechte und auf seine Bedürfnisse optimierte Nahrung zur Verfügung stellen zu können. Außerdem mussten wir sein Vertrauen zurückgewinnen, welches durch die fehlende Bindung zu uns und dem unmittelbaren Entfernen der Mutter direkt nach der Geburt stark beeinträchtigt wurde.

Als wir dann endlich in unseren eigenen vier Wänden waren und sich die Dinge etwas „normalisiert“ hatten, machten wir uns daran die Zeichen zu erkennen die unser Großer signalisiert hatte wenn er aufs Klo musste. Für Außenstehende weint ein Baby einfach nur, doch gerade Mütter, die dem Kind einfach mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen, erkennen ob das Kind gerade müde ist, Hunger hat oder einfach nur in den Arm genommen werden möchte. Genau so erkennt man auch ob es gerade aufs Klo muss. Dies bedurfte allerdings etwas Übung. Denn selbst wenn wir ihn dann abhielten, machte er nichts und das Pipi landete kurz drauf doch wieder in der Hose. Klar, plötzlich wird es kalt, man wird irgendwie über eine Schüssel gehalten und soll nun wissen das es Okay ist zu pinkeln. Also musste ein Signalwort her, ein Erkennungszeichen dass ihm sagt er kann jetzt loslegen. So gaben wir ein langgezogenes „Piie“ von uns wenn wir merkten er pinkelt gerade. Auf seine Signale achtend, immer wieder abhaltend und dem Erkennungszeichen, gelang es schließlich das er ins Töpfchen machte. Welch großartiges Gefühl. Er pinkelt!

Es dauerte nicht lange bis die Windel keine Verwendung mehr bedarf. Und als sie noch verwendet wurde, war sie auch mehr eine Einlage (auch Backup genannt) falls doch mal was daneben geht. Die Kommunikation zwischen uns stärkte sich zunehmend, es entstand ein gegenseitiges Verständnis und das ohne dass er sprechen konnte.

Ich kann nur allen Vätern raten, sich mehr mit der windelfrei – Materie zu beschäftigen und es den Müttern gleich zu tun. Sie sind nicht allein dafür zuständig. Viele Mütter fühlen instinktiv was gut für ihr Kind ist und was nicht, lassen sich jedoch von den Vätern, die meist ihre Kinder gar nicht so gut kennen wie die Mütter, verwirren. Nehmt euch Zeit für eure Kinder und lernt dessen Eigenheiten und Vorlieben kennen um euch überhaupt erstmal euer Mitspracherecht zu verdienen 😉

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Comments

Kommentare

4 Kommentare

  1. Ja krass. Ich bin zufällig über den Artikel gestoßen und wir bekommen bald ein Hundebaby. Und das hier klingt haargenau nach Hundeerziehung. 😀

    • Nadine Wiedmann

      Hallo liebe Bianca 🙂

      das Prinzip könnte das Gleiche sein – wir sind ja auch Säugetiere 😀

      Ganz liebe Grüße,
      Nadine

    • Was für ein kurzsichtiger Kommentar. Hier geht es nicht um Erziehung sondern um die Achtung der Bedürfnisse des Babys. Jedes Baby hat ein Sauberkeitsbedürfnis und das kann und sollte man beachten und als Eltern erkennen. Google mal Elimination communication wenn Du nicht grad mit Deinem Hund beschäftigt bist.

  2. Ein schöner Artikel. Im Übrigen hat mein Vater das Thema mal angesprochen, wenn auch damals nicht selbst umgesetzt. Und er zog ebenfalls den Hunde -Vergleich und dass man einem Hund ein „Missgeschick“ nachsieht, Kindern aber eben nicht.
    Nun habe ich allerdings eine Frage und diesbezüglich auch schon mal oberflächlich und recht ernüchternd gegoogelt: gibt es zum Thema windelfrei auch irgendwo Erfahrungen mit Zwillingen? Seid ihr vielleicht mal über so etwas gestolpert? 🙂
    Und dann fällt mir noch eine zweite Frage ein. Unsere Jungs waren auch zu früh, 8 Wochen. War euer Sohn bei der Ankunft Zuhause schon beim ursprünglich errechneten Termin? Unsere sind noch nicht bei diesem Termin, weshalb wir sie in erster Linie schlafen lassen und füttern (stillen) so wie sie wollen. Dazwischen werden sie „schnell“ gewickelt, um die Ruhephasen möglichst lang zu halten. Immerhin wären sie eigentlich noch im Bauch mit der Rundum-Sorglos-Komplettversorgung 😉 vielen Dank schon mal 🙂

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